Lackzeichnungen
Der weiße, leere Raum – die weiße Fläche. Der schwarze Stahlstab – die schwarze Linie einer konstanten Breite, die Fragmente gedachter Bewegung chiffrenhaft in den Raum schreibt. Ruckartiger Bewegungsdrang manifestiert sich als Seismogramm meines Körperdenkens an der Schnittstelle zwischen absoluter aleatorischer Freiheit und rationalem Kalkül. Zeichnung dient nicht der Skulptur, sondern ist selbständiger Partner auf Augenhöhe.
Die herausragende Bedeutung der Linie für das skulpturale Werk von Robert Schad haben mehrere Autoren immer wieder betont. So spricht Reinhold Happel im Katalog der Städtischen Kunsthalle in Mannheim (1993/94) von der »Formentwicklung aus der Linie heraus«, in der hohe künstlerische Konzentration und Spontaneität zusammenfließen. Uwe Rüth hebt in der gleichen Publikation die Linie als »eigentliches formales Mittel in fast allen Arbeiten Schads« hervor. »Die Linie ist das Entscheidende «, schreibt Johannes Odenthal im Katalog des Museums für Neue Kunst in Freiburg (2002), sie »dynamisiert den Raum, bildet den Raum und aktiviert ihn.« Auch die besonderen Charakteristika des Linienverlaufs, seine tänzerisch anmutenden Bewegungsrhythmen – das mehrfach abgewinkelte Auf- und Nieder im raumgreifenden Ausbreiten – sind häufig beschrieben worden.
Robert Schad selbst geht in seinen Erläuterungen zur Rolle der Linie in seinem OEuvre noch weit über formale Aspekte hinaus: »Die Linie ist nicht nur das wichtigste Ausdrucksmittel meiner Arbeit, sondern überhaupt die Grundlage jedes menschlichen Gestaltens. Die ersten künstlerischen Äußerungen des Menschen sind linear ausgeführt: Die Urmenschen haben ihre Zeichen auf Felswänden hinterlassen. Jeder von uns hat in Strichzeichnungen seine ersten Erlebnisse aufs Papier gekritzelt. Die Linie war für den Menschen immer elementare Basis für seine Ausdrucksmöglichkeiten, sie ist Hilfs- und Ausdrucksmittel, leitet und spiegelt seine Existenz in all ihren Facetten. Sie ist das, was das Leben ausmacht, als Lebenszeichen, Metapher und Spiegel von Vehemenz, Ruhe und Rationalität sowie der freien Aleatorik des Handelns, die nötig ist, um alle Zwänge hinter sich zu lassen. Mit der Linie kann man im Grunde alles ausdrücken. Sie begleitet den Menschen von der Geburt bis zum Tod und über seine körperliche Existenz hinaus. Es zeigt sich in ihr der lineare Ablauf der Zeit, des Handelns, der Bewegung. So sehe ich auch den Vorgang in meiner Skulptur als lineare Durchgangssituation meines Lebens innerhalb eines bestimmten Zeitablaufs. So lange ich mich mit Skulptur beschäftige, wird es meine Linie sein, die ich in den Raum schreibe. Sie hat mit zeichnen zu tun, mit be-zeichnen, mit umschreiben, mit führen, mit leiten, mit erleben, sie ist von meiner eigenen Existenz bestimmt.«
Textauszug: Lineare Raumplastik von Bettina Ruhrberg
