2023 erhielt Robert Schad den Auftrag zur Realisierung der Gedenkskulptur an die Euthanasieopfer Weinheims zur Zeit des Naziregimes. Die Skulptur entsteht im Auftrag von Vermögen und Bau des Rhein-Neckar Kreises.
Standort wird der im Entstehen begriffene Stadtpark, der in unmittelbarer Nähe des Krankenhauses erstellt wird, wo die Taten verübt wurden. Die Aufstellung ist für 2027 geplant.
Projektbeschreibung
Bei meinem Gestaltungsvorschlag »DER STUMME SCHREI« handelt es sich nicht in erster Linie um ein Objekt, an dem sich die nach dem Krieg Geborenen für die Verbrechen der Täter ihrer Väter- und Großvätergeneration schämen oder entschuldigen sollen. Dies wäre den jungen Menschen unserer Gesellschaft nur schwer zu vermitteln. Die zeitliche und moralische Distanz zum damaligen Geschehenen ist für viele wohl zu groß, um den Sachverhalt nur annähernd aus heutiger Sicht nachvollziehen zu können, in einer Zeit, in der Solidarität mit Kranken und Behinderten selbstverständlich ist.
Stattdessen und deswegen möchte ich vor Allem auf die schrecklichen Erlebnisse, Ängste, Schmerzen und Bedrohungen der betroffenen Opfer hinweisen, die vernichtet wurden, weil ihre Leben als nutzlos und minderwertig angesehen wurden und es niemand wagte, sich für sie einzusetzen. Dies möchte ich in den aktuellen Fokus rücken und unmittelbar über die Zeit hinweg erlebbar machen.
Den stummen Schreien dieser Menschen, die nicht nach Außen drangen bzw. ignoriert wurden, ist meine Skulptur gewidmet.
FORM
Eine heftig in großen Schwüngen den Raum geschriebene durchgängige Linie aus massivem Vierkantstahl baut sich vor dem Betrachter auf. Sie bildet in der Seitenansicht einen dynamisch bewegten, organisch-abstrakten Vertikalverlauf der sich in der Frontansicht zum Bild eines menschlichen Antlitzes ausbreitet, das, mit schmerzverzerrtem Ausdruck und offenem Mund, einen Schrei auszustoßen scheint, den man sieht, aber nicht hört.
Durch wechselnde Ein- und Durchblicke wird für den Betrachter beim Vorbeigehen die eigene Bewegung und Zeit erlebbar. Die Skulptur, aus massivem Vierkantstahl eines konstanten Querschnitts hergestellt, geht in Form und Sinn in einen Dialog mit der vorhandenen Trauerweide ein. In Abstimmung mit dem Auftraggeber soll in der Nähe der Skulptur eine Schrifttafel angebracht werden die an den Grund des Gedenkens erinnert.
DEUTUNG
In einer südafrikanischen Höhle haben Forscher vor Kurzem womöglich die älteste künstlerische Arbeit des Menschen entdeckt. Demnach zeichneten Steinzeitmenschen vor etwa 73.000 Jahren ein Strichmuster mit Ockerfarbe auf einen Stein. Dieses ist mindestens 30 000 Jahre älter als die älteste bisher gefundene Zeichenkunst des modernen Menschen und viel früher, als es dessen erste Skulpturen gab. Demnach ist die Linie wohl das erste bildnerische Ausdrucksmittel des Menschen überhaupt und auch das unmittelbarste, da es mehr als andere künstlerische Medien in der Lage ist, direkt auszudrücken, was wir sehen und fühlen.
Als Kind bringen wir unsere Emotionen zuallererst über gekritzelte Linien zu Papier bevor wir plastisch formen. Die Linie darf alles und ist wohl unser persönlichstes, komplexestes und freiestes Ausdrucksmittel überhaupt.
Mit ihr schreiben und zeichnen wir, beschreiben den Weg von hier nach dort. Sie beschreibt in Schaubildern den Verlauf von Börsenkursen oder Statistiken, ist aber auch Sinnbild des zeitlichen Ablaufs unserer psychischen und physischen Existenz von der Geburt bis zum Ende. Innere Ruhe kann durch die Linie ebenso zum Ausdruck kommen wie Spannung und Nervosität. Auch kann unser Pulsschlag durch die Herzspannungskurve linear sichtbar gemacht werden. Mit der geschriebenen Linie unterzeichnen wir Briefe. Die kleinste Form der Linie ist der Punkt als linearer Moment, Einzelbaustein eines gedachten Zeitablaufs und Abschluss jedes Satzes. Mit dem Lineal gezogen schiebt sie sich ohne Umwege in den Raum. Mit geschlossenen Augen gemacht, ist sie Spiegel unserer innersten Energie. Auch ist sie in der Lage unsere realen optischen Wahrnehmungen und Vorstellungen zwei- oder dreidimensional aufs Papier oder in den Raum zu übertragen. Der Dialog der Skulptur mit der vorhandenen Trauerweide (‚Salix babylonica‘) ist beabsichtigt. Dieser Baum ist häufig auf Friedhöfen zu finden. Die schon ab 1900 bezeugte umgangssprachliche Bedeutungsübertragung ihres Namens fußt auf ihrer speziellen Wuchsform mit ihren schleppenartig herunterhängenden Zweigen, die, wie jegliches Herabhängende, als Sinnbild für Trauer und Mutlosigkeit verstanden werden kann.
»DER STUMME SCHREI« ist tonnenschwer. Jegliche Bodenschwere löst sich jedoch über die Form in optischer Leichtigkeit auf. Seine Bodenberührung ist minimal. Die Skulptur thematisiert das Körperliche: Ähnlich dem anatomischen Gliedersystem des Menschen ist sie gebaut aus der Addition gerader Teile (den Knochen), über deren Kontaktstellen (den Artikulationen) trotz ihrer konstruktiven Starre, Bewegung vorstellbar wird.
Zeit wird spürbar, die im Moment des Betrachtens innezuhalten und in Stahl gefroren zu sein scheint.
Die Skulptur besteht aus Stahl, dem Material aus dem in der Regel Waffen, Maschinen und Baukonstruktionen gemacht werden. Eisen verbindet den Menschen mit der Natur und beflügelt seine Utopien seit er sich dieses Materials bedient: Bereits die Jäger der Eisenzeit schmiedeten daraus Waffen, mit denen sie sich verteidigten und sich ihre Nahrung sicherten. Eisen wird durch Einsatz menschlicher Kraft und Risikobereitschaft in Form von Erz der Erde entnommen. Menschliche Intelligenz führte zur Herstellung von Stahl, dessen wichtigster Bestandteil Eisen ist. Über den Stahlbau wurden Träume Wirklichkeit. Er legte den Grundstein der Entwicklung unserer modernen Industriegesellschaft am Ende des 19. und beginnenden 20. Jahrhundert.
Gustave Eiffel hätte es ohne dieses Material nie geschafft, höher und schmäler zu bauen als die Architekten der gotischen Kathedralen und große Flusstäler mit scheinbar leichten, eleganten Brückenkonstruktionen zu überspannen. Ohne Stahl gäbe es keine Verkehrsmittel und keine Waffen. Ohne Stahl wäre unsere heutige Welt eine andere.
Aus der Urkraft des Stahls heraus, die die Menschen stets zu Höchstleistungen in Technik und Kunst angetrieben hat, ist dieses haptische Material meiner Ansicht nach nach wie vor in der Lage, Emotionen zu wecken und existenzielle Fragen zu stellen, denen wir uns auch in unserer von den digitalen Medien geprägten Welt stellen müssen.
Die Skulptur »DER STUMME SCHREI«, die linear in den Raum hineingeschrieben ist, ist Seismograph innerer Befindlichkeiten und zeitlose Kalligraphie des Schreckens und der Agonie. Sie soll mahnen, aufrütteln, weh tun und Betrachter unterschiedlichen Alters, Erfahrungen und kultureller Provenienz direkt ansprechen. Um die Skulptur verstehen zu können sind keine künstlerischen Vorkenntnisse nötig, sondern die Bereitschaft zur Reflexion und aktiven Wahrnehmung. Ich möchte mit ihr das Geschehene ins kollektive Gedächtnis unserer und künftiger Generationen hineinschreiben und dazu mahnen, daß sich so etwas niemals in unserer Gesellschaft wiederholen darf.
MATERIAL UND TECHNIK
Die Skulptur besteht aus massivem Vierkantstahl. Unterschiedlich lange Stäbe werden miteinander verschweißt, die Schweißnähte und Stabübergänge verschliffen. Die Oberfläche wird sandgestrahlt und bleibt naturbelassen.
Die Skulptur wird auf einer Fundamentplatte distanzüberbrückend aufgeschweißt, die in ca. 30 cm unter Erdniveau auf ein Betonfundament aufgeschraubt wird. Nach Aufbringen der Erde auf Bodenniveau scheint die Skulptur direkt scheint auf ihm zu stehen oder zu balancieren. Eine statische Berechnung wird erstellt. Auf einen Blitzschutz kann verzichtet werden. Die Fundamentplatten erhalten einen Antikorrosionsanstrich.
Weitere technische Angaben
Material der Skulptur: Massiver Vierkantstahl mit 100 mm Kantenlänge der Materialgüte S235JR.
Laufende Meter Stahl: 22 m
Grundplatte: 200 × 200 × 3 cm Gesamtgewicht mit Grundplatte: ca. 2.8 t
Verbindungsknoten: 30 Stück
Dimension: ca. 520 × 340 × 120 cm
Projektassistenz: Gaetan Nozet, Baume les Dames (Modell), Dipl.Ing. Martin Knörlein, Freiburg (architektonische Beratung), Dipl.Ing. Eberhard Hausmann, Ulm (Statik)